Weshalb singen wir in der Zwergenhütte?

Der Umgang mit der eigenen Stimme - sei es beim Sprechen oder Singen - ist für die Arbeit mit Kindern von tief greifender Bedeutung.

Der Gesang begleitet und gliedert unter anderem unseren Tagesablauf.
Er ermöglicht Abwechslung und Ausgleich und spricht sehr viele Kinder an. Durch Wiederholungen, Rituale, können wir alle Kinder erreichen und vermitteln ihnen Orientierung und Sicherheit.

Durch das Singen eines „Aufräumlieds“ oder „Frühstücksverses“ erkennen die Kinder sofort, dass eine Phase des Tages beendet wird und die neue Phase beginnt. Das Ende bedeutet für die Kinder auch, gleich kommt etwas Neues, anderes. Gleichzeitig sind das für sie vertraute Abläufe.

Als Beispiel können wir den Frühstücksvers „Viele kleine Fische … “ oder das in der Aufräumphase gesungene Lied „1,2,3, das Spielen ist vorbei … “, nennen. Wenn wir die Räumlichkeiten verlassen wollen, fassen wir uns an die Hände, bilden eine lange Schlange und singen:
„Eine lange Kinder Schlange schlängelt hin, schlängelt her, schlängelt kreuz und schlängelt quer.“
Auf diese Weise gelingt uns, sich gemeinsam und ziel gerecht fortzubewegen. Erstaunlich ist, wie schnell schon die aller kleinsten Kinder die Rituale lernen!

Sicherheit und Orientierung geben wir den Kindern natürlich auch mit wiederkehrendem Liedgut im Jahreskreis. Die Kinder werden auf bestimmte Ereignisse (Feste, Ferien, …) vorbereitet.

Durch entsprechende Lieder, Geschichtesäckchen, Gedichte lernen die Kinder ihren Körper wahrzunehmen, mit Gefühlen umzugehen, sie wahrzunehmen, zu benennen.

Unser Ziel ist das Selbstwertgefühl der Kinder zu stärken.

Bei der Auswahl der Lieder achten wir auf eine Integration von Tanz und Bewegung. So können die Kinder ihrem natürlichen Bewegungsdrang nachgehen.

„Wenn ich meine Gitarre zur Hand nehme oder ein Lied einstimme, finden sich nach kurzer Zeit Kinder, die mitsingen, klatschen oder einfach nur zuhören wollen. Ich habe die volle Aufmerksamkeit der Kinder.“ (Monika)

Musikerlebnisse bilden auf besondere Weise eine Basis für optimale ganzheitliche Unterstützung und Förderung der kindlichen Entwicklung.
So nimmt das Singen positiven Einfluss auf Entwicklung von Intelligenz, Sprache, Erweiterung des Wortschatzes, auf das logische Denken, räumliche Vorstellung, auf die soziale Kompetenz und die Teamfähigkeit der Kinder.

Durch das Singen entwickelt das Kind viele Eigenschaften, von denen einige vor allem in unserer heutigen Zeit immer wichtiger werden: Kreativität, Fantasie, sich selbst hören, mit der Musik in der eigenen Fantasiewelt leben. Es fördert das Erinnerungsvermögen und die Konzentration.

Das Singen mit Kindern ist mit emotionaler Zuwendung gleichzusetzen. Durch das gemeinsame Singen teilen Erwachsene ihre authentischen Emotionen mit und gleichzeitig begeben sie sich auf Alters entsprechende emotionale Ebene der Kinder. Dies wirkt sich fördernd auf die Bindung zwischen Erwachsenen und den Kindern.

Bei allen bisher genannten Beispielen steht eines jedoch immer im Vordergrund:

Singen ist eine natürliche Ausdrucksmöglichkeit aller Stimmungen und ganz besonders der Freude.

„Die Absicht des Erwachsenen zu Helfen oder zu Fördern verhindert geradezu, dass das Kind die Initiative ergreifen kann bzw. erlaubt ihm nicht, das Angefangene selbstständig zu Ende zu führen. „Ich helfe nur ein ganz klein wenig nach“, mit dieser Einstellung kommt man dem Kind zur Hilfe und reicht ihm die Hand, damit das Aufstehen leichter gelingt. Diese Hilfe aber raubt dem Kind die Freude am selbstständigen Gelingen, raubt ihm das Gefühl seiner Wirksamkeit „

 

Emmi Pikler